Du bist genug.

Neulich hatte ich das große Glück vor einer Schulklasse sprechen zu dürfen, mir ihre Ängste, Sorgen und Gedanken anzuhören. Dabei wurden die anwesenden Schüler sehr persönlich und haben Dinge erzählt, die sonst vermutlich nicht oft zur Sprache kommen.

Dieser Blogpost ist für euch. Und alle, die es mal wieder hören müssen:

Du bist genug.

Du mit deinen Fehlern, an denen du Tag für Tag arbeitest.
Du mit den Augenringen nach dem Aufstehen.
Du mit der Zahnspange.
Du mit dem schrägen Lächeln.
Du mit dem schlechtesten Musikgeschmack der ganzen Stadt.
Du mit dem zu lauten Lachen.
Du mit den zu leisen Tränen.
Du mit dem großen Herzen.
Du mit den kleinen Brüsten.
Du mit dem roten Fahrrad.
Du mit der verrückten Frisur.
Du mit den wenig Followern.
Du mit den vielen Büchern.
Du mit dem Sprachfehler.
Du mit dem perfekten Leben.
Du mit den lackierten Fingernägeln.
Du mit den Blumen.
Du mit den Narben.
Du mit der Kaffeesucht.
Du mit dem kleinen Gehaltscheck.
Du mit den vielen Payback Punkten.
Du mit der Weizenunverträglichkeit.
Du mit der kleinen Wohnung.
Du mit dem großen Traum.

Du. Einfach nur du.

Wenn ich ehrlich bin, entspreche ich so ziemlich keinem Schönheitsideal. Mein Geschmack bei Filmen und Büchern ist selten Mainstream genug um anerkennende Kommentare dafür zu bekommen. Ich trinke keinen Alkohol, wenn ich mit Freunden auf Partys gehe und ich küsse keine Typen beim ersten Date.

Niemand interessiert sich für meine Fotos auf Instagram.
Niemand würde mir für diesen Blog Bezahlung anbieten.
Niemand hält mir die Tür auf, wenn ich noch schnell in den Fahrstuhl springen will.

Dafür stehe ich zu meinen Fehlern, gebe zu, wenn ich im Unrecht bin, helfe Menschen in die Bahn, nehme Pakete für meine Nachbarn entgegen, weine bei Disney-Filmen, umarme meine Freunde zur Begrüßung und zum Abschied, teile meine Gedanken mit euch und freue mich über frische Blumen.

Damit bekomme ich keinen Friedensnobelpreis, keinen blauen Haken bei Twitter, keine Gehaltserhöhung und tue es dennoch. Weil das manchmal reicht.

Weil ich, so wie ich bin, genug bin. 

Und ihr seid es auch.

Kurz und schmerzlos euer,

avocadogirl

Advertisements

Be yourself.

In letzter Zeit lese ich immer wieder diese klassischen Sprüche auf Twitter oder Instagram, wo es heißt: Be yourself! (gerne wird dann noch ein witziger Twist mit dem Einhorn oder Batman angehängt – vermutlich, weil es dann leichter zu ignorieren ist).
Doch wenn man sich auf eben diesen sozialen Medien mal genauer umsieht, so klingt das sich ständig wiederholende Mantra doch wirklich wie die Behauptung bei Bodybuildern würden man auf der Bühne echte Sommerbräune erkennen können.

Was bedeutet be yourself heute noch? Ist es wirklich eine ernstgemeinte Aufforderung der Mensch zu sein, der man ist? Bekommt man für ein Bild in Pyjamahose, zerzauster Frisur, dringend benötigtem Kaffee und Augenringe am Sonntagmorgen in der Küche wirklich so viele Klicks, Likes, Favoriten und Herzen, wie für das eines frisch gepressten Smoothie, der den Hashtag #tasty verpasst bekommt und dann im Müll landet, weil er nämlich genau das nicht ist?
Wohl kaum.
Was fehlt der Netzgemeinde in der heutigen Zeit zur Authentizität? Der Mut? Oder das Verständnis für die verfloskelte Redewendung be yourself.
Denn dank der zahlreichen Filter, die uns Instagram und co. zur Verfügung stellen, ist es leicht den perfekten Look eines perfekten Lebens in einem perfekten Feed zu generieren. Nur ist es eben nicht mehr das echte Leben. Es ist als würde man in einen dieser verrückten Zerrspiegel schauen, die es früher auf der Kirmes gab. In denen man dicker, dünner, größer oder kleiner aussah. Wir faken ein Abbild unserer Realität um den Schein zu wahren, um mitzumachen, um dabei zu sein. Wir drapieren unser Essen, bevor wir es fotografieren und es mit der Welt teilen. Wir posten spontane Schnappschüsse, die erst beim 17. Versuch so gut aussehen, dass wir sie online stellen wollen. 
Natürlich streiten wir das alle ab. Wir doch nicht. Wir predigen schließlich auf eben diesen Plattformen genau das Gegenteil: be yourself! 

Wirklich? 

Ich habe einen Blick auf meinen Instagram-Feed geworfen und musste feststellen, dass nur zwei Fotos mein Leben und mich so zeigen, wie wir wirklich sind. Eine absurde Symbiose, die im Chaos existiert und – zu meiner Überraschung – funktioniert. Trotzdem wette ich, dass mein Leben am Stammtisch über mich herzieht und sich beschwert, wieso ausrechnet es so eine Chaotin wie mich abgekriegt hat. Das ist okay, ich schimpfe auch manchmal über mein Leben und träume mich auf die Sonnenseite der Welt, wo ich Cocktails schlürfe, Geld durch Blogposts wie diesen verdiene und gar keinen Filter für meine Fotos brauche, weil der Sonnenuntergang auf Bali nun mal wirklich diese Farben an den Himmel pinselt.
Trotzdem bin ich froh, wenn ich abends im Bett liege und weiß, dass ich mit meinem Leben ziemlich zufrieden bin. Ja, ich bin sogar mit mir zufrieden. Jeden Tag werde ich jetzt daran arbeiten wirklich ich zu sein. Vorbei die alberne Zeit der Gefällt-mir-Jagd und Hipsterfotos, die ich stundenlang ausleuchte, bevor sie dem gestiegenen Anspruch der User entsprechen. Früher hat man doch auch einfach ein Foto geschossen und gehofft, es ist kein totaler Ausfall, wenn man die Abzüge beim Fotoladen um die Ecke abgeholt hat. Selbst die verwackelten und unscharfen Momentaufnahmen wurden gerahmt, rumgezeigt und mit Stolz betrachtet. Jetzt werden sie vom Handy oder der Kamera gelöscht, bevor sie Speicherplatz für den perfekten Schnappschuss wegnehmen können.
Schade.
Weil es nie die perfekten Momente sind, an die wir uns am liebsten zurück erinnern. Es sind die Abende, an die man die größten Erwartungen hatten, die gnadenlos in die Hose gingen und mit der besten Freundin, einer Tüte Chips und einer Folge Gilmore Girls auf der Couch geendet sind.
Es sind die Partys, mit der schlechten Musik, den albernen Tänzen, den nach Erdbeerlimes-schmeckenden Küssen mit dem witzigen Typen, der zwar nicht aussah wie Michael Fassbender, einen aber zum lachen gebracht hat.

Wenn mein Leben am Ende als Fotostrecke bei Instagram vor meinem inneren Auge vorbeiziehen würde, dann wünsche ich mir viele verwackelte und unscharfe Bilder, dann wünsche ich mir Fotos von mir ohne Make-up und in schrecklichen Klamotten an einem bad hair day. Den 97% meines Lebens sind eben genau so. Unperfekt schön. Ich wünschte, wir könnten alle mehr dazu stehen.

Be yourself. Be real.

Euer

avocadogirl