Von der Freiheit das zu tun, was man liebt.

Neulich war ich mit ein paar Bekannten essen und das Gespräch kam noch vor dem Hauptgang auf das Thema ‚Arbeitsstress‘ zu sprechen. Viele gestresste Gesichter und noch mehr gestresste Geschichten aus dem Arbeitsalltag verschiedener Branchen. Während ich ihnen an meinem Bruschetta knabbernd zugehört habe, konnte man den Eindruck gewinnen, dass alle Anwesenden ihren Job nicht nur nicht besonders gerne machen, sondern sich beim Stressvergleich ausstechen wollten.

„Ja, aber weißt du, wir haben manchmal auch am Wochenende ein Meeting!“
„Mag ja sein, aber ich darf nur 5 Tage Urlaub am Stück nehmen.“
„Jahaaa, aber bei mir fällt auch noch das Weihnachtsgeld weg!

Irgendwann fiel auf, dass ich nichts zur Diskussion beigetragen habe und das weckte natürlich das Misstrauen. Wie ich meinen Arbeitsalltag denn beschreiben würde.

Dazu muss ich sagen, dass ich seit Januar 2017 selbständig bin und mir meinen Traum erfüllt habe, das was ich liebe auch beruflich zu tun. 

„Nun, ich stehe jeden Morgen auf, um das zu tun, was ich liebe.“ 
„Aber das zahlt doch nicht die Miete!“
„Doch.“
„Unmöglich!“
„Äh. Nein?“
„Wie groß ist deine Wohnung?“
„In welcher Ecke wohnst du?“
„Wie bist du denn versichert?“
„Das ist ein großes Risiko.“

Ich kam gar nicht mehr dazu, meinen Alltag – der selbstverständlich auch mal höchst stressig ist – zu erklären. Stattdessen wurden ich und mein Wahnsinn, eine Festanstellung für einen albernen Traum aufzugeben, zum Hauptthema des Abends. Ich muss wohl nicht erklären, wieso ich das Dessert habe ausfallen lassen.

Auf dem Heimweg habe ich mir dann Erklärungen überlegt, wieso ich das tue, was ich tue und mir fertige Rechtfertigungen für eine potentielle Wiederholung solcher Gespräche überlegt, bis mir an einer Bushaltestelle bei Nieselregen an einem Donnerstagabend alles schlagartig bewusst wurde:

Ich muss mich nicht rechtfertigen. 

Das mag jetzt einfach klingen und viele werden sagen: Das hätte ich dir sagen können. Aber die Wahrheit ist, ganz lange habe ich mich bei Nachfragen zu meinem Beruf erklärt: ‚Ich bin zwar selbstständig, arbeite aber auch dafür immer auch am Wochenende und muss aufs Geld achten.‘
Fast so, als wolle ich die Tatsache, dass ich die Freiheit lebe das zu tun, was ich über alles liebe, entschuldigen.

Wieso? 

Es ist mein Leben. Es ist meine Freiheit und ja, ich habe einen Preis dafür gezahlt. Wissentlich und bei klarem Verstand. Den gleichen Mut kann ich nicht zwingend von anderen Menschen erwarten, das ist mir klar. Wohl aber ist es mein Recht, von meinen Mitmenschen Respekt für meine Entscheidung über mein Leben und meine Zukunft zu fordern. Niemand muss meinen Weg gehen, aber niemand hat das Recht meine Entscheidung zu bewerten.

Unter den ganzen Analysen zu meiner Entscheidung, denen ich mich beim besagten Abendessen aussetzen musste, war nämlich eine Sache deutlich zu hören: die Angst davor, es selber zu tun und die Bewunderung mir gegenüber, es getan zu haben – getarnt als Neid.

Doch Neid ist nichts anderes, als Bewunderung für den Mut oder den Erfolg anderer. 

Meine Freiheit das zu tun, was ich liebe, habe ich mir hart erkämpft und werde sie ebenso hart verteidigen.

Danke.

Euer,

avocadogirl

Fußspuren .

Es mag an meinem Fernweh nach dem Meer liegen, dass ich mich aktuell verstärkt mit Sandstränden beschäftige. Oder aber, es ist ein Gedanke, den ich einfach nicht mehr los werde, je öfter ich im Netz oder im realen Leben (ja, ich habe sowas) darüber stolpere.

Wenn junge Menschen über ihre Zukunft sprechen, dann hört man oft so motivierende Mantras wie ‚Mach, was dich glücklich macht‚. Die Tassenindustrie wird vermutlich pro Jahr Millionen Keramikdinger mit Sprüchen wie ‚Do more of what makes you happy‚ oder  ‚Do what you love‚ los. Bei Abi-Reden hören wir ehemaligen Lehrern zu, wie sie Sachen sagen wie: ‚Und erfüllt eure Träume, lebt intensiv und lasst keine Chance aus blabla etc. etc. pp.‘

Doch wehe es gibt da draußen wirklich mal einen Querdenker, der beschließt seine ganz eigenen Fußspuren hinterlassen zu wollen. Der sich gegen den von der Gesellschaft akzeptierten Weg entscheidet und munter losmarschiert im festen Glauben schon – eben auf seine Art und Weise – ans Ziel zu kommen. Dann sind die Stimmen der Zweifler lauter, es wird zurück gerudert Marke: ‚Das sind Kalendersprüche, die kann man doch nicht ernst nehmen!‘

Erst Flügel verpassen und dann stutzen. Ernsthaft?

Was ist verkehrt daran, einen anderen als den bekannten Weg zu gehen? Wir Frauen haben doch den Ruf ohnehin keinen besonders ausgeprägten Orientierungssinn zu haben. Wir entdecken also neue Wege jedes Mal, wenn wir zum Grillfest einer Bekannten fahren. Wieso also nicht auch im Leben mal Spuren dort hinterlassen, wo vielleicht noch nicht alle Touristen in Adidellen oder Flip Flops ihre Abdrücke in den Sand gerammt haben?

Wieso wird uns zum Abschluss der Schule oder der Uni oder der Ausbildung versprochen, dass uns alle Türen offen stehen, wenn wir nur fest genug daran glauben? Wenn wir uns anstrengen und auf das Bauchgefühl hören.

Dinge tun, die wir lieben.

Eigene Wege gehen.

Fußspuren im Sand hinterlassen.

Nennt mich ruhig naiv, aber ich bin der festen Überzeugung, dass es sich lohnt auch mal das Navi auszuschalten, nur um zu sehen ob der vermeintliche Umweg sich nicht einfach nur als der eigene Weg entpuppt.

Seid mutig, traut euch!

Euer

avocadogirl

 

Immer mehr. Nie genug?

Willkommen in der Generation ‚mehr‘.

Zumindest fühlt es sich für mich in letzter Zeit so an. Ja, ich habe mir mal wieder eine meiner Kaffeepause gegönnt und einfach mal beobachtet, nicht alles sofort aufgeschrieben oder abfotografiert. Soll ja angeblich gesund und reinigend wirken.
Mit einem Rucksack voller Gedanken sitze ich jetzt wieder zu Hause und stelle mir immer und immer wieder die selbe Frage:
Verlangen wir immer nach mehr? Haben wir nie genug?

Wenn ich meinen Kollegen bei der Arbeit zuhöre, wiederholen sich die Themen schnell und die Grundessenz ist klar: Sie wollen mehr!
Mehr Geld.
Mehr Erfolg.
Mehr Urlaub.
Mehr Freizeit.
Mehr Quadratmeter.
Mehr Liebe.
Mehr Kinder.
Mehr Hobbys.
Mehr Unabhängigkeit.
Mehr Freunde.
Das, was sie haben wird gerne verglichen mit dem Zufriedenheitskonto der anderen und siehe da: Scheinbar ist nebenan das Gras nicht nur grüner, sondern auch besser geschnitten, weicher, gemütlicher und vor allem M E H R.

Zuhause habe ich also mal nachgedacht (auch das soll ja angeblich gesund sein) und siehe da, ich habe weniger Geld als die meisten meiner Freunde, wenig Zeit, kaum noch Gläser und fast alle Tassen haben einen Sprung oder einen Mängel. Meine Küche ist winzig, meine Wohnung könnte man romantisiert als kuschelig, realistisch als klein bezeichnen. Will ich mehr?
Mehr Verantwortung?
Mehr Sorgen?
Mehr Kredit?
Mehr Zeit?
Mehr Stresshormone?
Keine Sorge, ich tische euch keine Lüge Marke Ich-habe-alles-was-ich-brauche-auf. Denn es gibt viel zu viele DVD-Boxen, die sich noch nicht in meinem Besitz befinden. Zu viele Folgen Game of Thrones, die ich noch nicht gesehen habe und, machen wir uns nichts vor, mein Asia-Imbiss um die Ecke hat über 300 Gerichte, von denen ich gerade mal 8 probiert habe. Natürlich will ich auch mehr!
Aber mein erklärtes Lebensziel soll es nicht sein immer nach dem zu streben, was ich gerade nicht habe. Stattdessen schlage ich euch was vor.
Lasst uns eine Liste mache mit den Dingen, von denen wir gerade (just in diesem Moment) genug haben. Dinge, über deren Existenz wir uns freuen (und ja, ‚Dinge‘ können jetzt auch Menschen, Tiere und Gefühle sein – verzeiht mir die Verallgemeinerung, okay?).

Ich fange an:
Meine ‚genug‘-Liste:
Kissen
Kerzen
Liebe
Nudeln
Glücksmomente
Bloggerfreunde
Real life Freunde
Kaffeefilter
Finger (soll man nicht unterschätzen!)
Lachfalten um die Augen
Geniale Playlists bei Spotify
Papiertüten
Ü-Eier-Figuren
Ohrringe
Momente für mich
Süße/liebe/rührende WhatsApp Nachrichten
Gründe um zu Lachen.

So! Und jetzt hier. Hinterlasst mir gerne eure Liste mit den Dingen, von denen ihr heute genug habt in den Kommentaren!
Willkommen Generation-‚eigentlich ist das Leben nicht verkehrt‘. 

Euer,

avocadogirl

Ihre Verbindung wird gehalten.

Es gibt tatsächlich Leute, die unter der Dusche telefonieren. Irgendein technisches Wunderwerk erlaubt es uns, trotz Wasserfalldusche und Shampoo in den Augen erreichbar zu sein.

Einige beantworten E-Mails auf der Toilette, kommentieren noch schnell ein Foto bei Instagram und telefonieren, während sie im Fitness-Studio auf dem Laufband sind.

Wenn man von meinem Neid, dass sie 12 Kilometer auf der Stelle rennen können UND dabei genug Sauerstoff in den Lungen haben, um Fragen am Telefon beantworten zu können einmal absieht, finde ich diese Entwicklung einfach nur erschreckend.

Ständige Erreichbarkeit. 

Die meisten meiner Freunde schalten ihr Handy übrigens nie aus. Nicht mal nachts, weil sie es als Wecker nutzen oder eine Einschlafhilfe benötigen, Musik oder ein Hörbuch im Bett hören. Das ist alles okay, das tue ich ja auch! Aber jetzt frage ich mich, habe ich mich von meinem Handy abhängiger gemacht als von meinem WG-Mitbewohner, auf den ich mich verlassen muss, wenn er die Miete überweist oder den Wocheneinkauf übernimmt?

Damals, als ich mein erstes Smartphone bekommen habe, war ich begeistert, habe mit großen Augen das Handbuch studiert und war einfach nur erstaunt über das kleine Teil in meiner Hand, das mir ab sofort das Leben erleichtern wird. Kein Grund mehr meine Kamera mit mir in der Handtasche spazieren zu tragen, habe ich doch mein Handy immer griffbereit.
Telefonnummern der engsten Freunde werden nicht mehr auswendig gelernt, habe doch mein Handy. Kalender, die ich früher gerne mit Freuden ausgefüllt und verschönert habe, plötzlich nur noch unsinniger Ballast im Rucksack.
Mein Smartphone kann alles, was der Gürtel von Batman auch kann. Ich war ein glückliches Batgirl!

Jetzt fühle ich mich eher wie Spiderwomen: Aus großer Macht folgt große Verantwortung!
Ständig bin erreichbar, zu jeder Tages- und Nachtzeit erwartet man eine Antwort.
Auf ein Foto.
Auf einen Tweet.
Auf einer Statusline.
Auf eine E-Mail.
Auf einen Anruf.
Nie hat man geistigen Feierabend, nie hat man eine Pause, nie kommt man wirklich zur Ruhe.

Was ist auf „Ihre Verbindung wird gehalten“ geworden?

Jetzt schalte ich mein Handy abends aus. Ich lasse es im Büro, wenn ich im Wohnzimmer sitze, ich lege es nicht auf den Tisch, wenn ich mich mit Freunden im Restaurant treffe und checke nur noch vier mal täglich meine Meldungen.
So sehr ich mein Handy liebe – und das tue ich – desto mehr engt es mich in meinem Leben ein. Wie ein besitzergreifender Freund, der ständig eine innige Umarmung verlangt und in der Löffelchenstellung einschlafen will.
Ich mag meine Freiheit und deswegen gehen mein Smartphone und ich jetzt eine kleine Beziehungspause ein. Vielleicht ist das der Schlüssel zur inneren Ruhe, die ich gerade sehr verzweifelt suche.
Wenn ihr wollt, halte ich euch diesbezüglich auf dem Laufenden.

Wie steht ihr zu eurem Handy? Wird es ausgeschaltet? Wieviele Apps habt ihr? Lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen.

Es grüßt das handylose

avocadogirl

Coffee break

Vielleicht ist euch aufgefallen, dass es letzte Woche (und die davor?) einen Beitrag auf diesem Blog gab. Das lag zum einem an der kleinen Erkältung, die ich mir eingefangen hatte und zum anderen daran, dass ich mir immer wieder kleine Pause gönne. Nicht, weil ich mich für Adele halte und weiß, die Leute warten auf News von mir. Es ist nicht so, als ob jemand auf diesen Blog gestarrt und immer wieder F5 gedrückt hat, in der stillen unbändigen Hoffnung es gäbe endlich wieder einen Beitrag!

Meine Beiträge verändern die Welt nicht. Sie verhallen oft sogar als Echo im World Wide Web. Das weiß ich, das wisst ihr. Aber das hält mich sicher nicht davon ab meine Gedanken auch weiterhin in Form von kleinen Artikel mit den Lesern zu teilen, die Lust haben mal kurz über ihren Tellerrand zu schauen. Einfach, weil es sie interessiert was andere Menschen denken. Ich mache das sehr gerne. Ich lese Blogs, lasse mich von Gedanken der anderen Blogger inspirieren oder manchmal auch nur in eine Richtung schubsen, in die ich sonst vielleicht nicht gedacht hätte.

Nun aber zu diesem Beitrag. Ich trinke ja wahnsinnig gerne Kaffee. Weil er mich dazu zwingt von meinem Rechner aufzustehen, den Blick vom Bildschirm zu nehmen, mich zu bewegen. In unserem Büro ist die Kaffeeküche nämlich unten und so muss ich Treppen laufen. Dieser kurze Gang, der mich ablenkt und für die noch so kurze Dauer, vergessen lässt, was für ein Problem sich auf meinem Bildschirm abspielt (und sicher noch da ist, wenn ich wiederkomme), ist immer wieder ein überraschendes Highlight in meinem Büroalltag.

Deswegen habe ich mir angewöhnt besagte Kaffeepausen auch in meinem normalen Leben einzuführen. Weg vom Rechner, vom Fernseher, vom Buch und vom Telefon. Raus, an die Luft (und das auch bei Regen und Schnee), einfach weil ich denke es ist wichtig. Unser Kopf ist so vollgestopft mit Sorgen, Gedanken, Horrorszenarien und (wenn man so ist wie ich) mit Versionen der Zukunft, die so nie eintreffen. Trotzdem beschäftigen wir uns damit. Immer und immer wieder. Mein Gang die Treppen runter, die Straße entlang zum Bäcker an der Ecke, wo ich mir einen Kaffee kaufe (obwohl ich über eine funktionstüchtige Kaffeemaschine in meiner Küche verfüge) ist meine Kaffeepause von Gedanken, die sich in meinem Kopf drehen. In diesen fünf Minuten verbiete ich mir das Karussell des Wahnsinns und freue mich auf einen leckern Kaffee, einen kurzen Plausch mit der Bäckersfrau und den Rückweg.

Wäre es nicht schön, wenn solche Kaffeepausen gesetzlich in unseren Leben verankert wären? Wer keinen Kaffee mag, kann auch gerne einen Tee oder eine Limo wählen.

Entschuldigt diesen etwas schrägen Beitrag. Es war mir nur irgendwie ein Bedürfnis euch von meiner Pause zu erzählen. Ich gehe mal los und hole mir einen Kaffee. Mal sehen, ob ihr noch da seid, wenn ich wiederkomme. 

Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr solche Pausen in eurem Alltag oder braucht ihr sie gar nicht?

Liebe Grüße von mir an euch!

avocadogirl

Zufrieden.

In meinen letzten Beiträgen ist mir aufgefallen, dass ich ein bisschen danach klinge, als wäre ich mit meinem Leben, meinem Zuhause oder mir selbst nicht so recht glücklich. Natürlich wird der aufmerksame Leser zwischen den Zeilen entdeckt haben, dass es „nachdenkliches Meckern auf hohem Niveau“ ist. Denn ich bin zufrieden. Sehr sogar.
Doch – wie so vielen Menschen – fällt es mir leichter mich zu fragen, was ich noch alles erleben könnte? Wohin könnte mich mein Weg noch führen? Wo wartet ein noch aufregenderer Moment auf mich?

Deswegen möchte ich den heutigen Beitrag nutzen um mich (und hoffentlich auch euch) daran zu erinnern, dass das Jetzt auch ziemlich genial ist.

Meine Großmutter, mit der ich wahnsinnig viel spazieren gegangen bin, blieb auf eben diesen Runden gerne mal stehen und betrachtete die Blumen auf dem Feld neben uns. Oder einen Vogel, der am Himmel seine Kreise flog. Sie hatte es nie eilig zum nächsten, noch besseren Moment zu hetzen. Ganz im Gegenteil. Sie hat einen Moment nach dem anderen genossen. Lange Zeit habe ich nicht verstanden, wieso sie immer wieder diese Pause eingelegt hat und oft fälschlicher Weise angenommen, es wäre ihrem hohen Alter geschuldet. Doch inzwischen weiß ich es besser. Jetzt, da ich ohne sie spazieren gehen muss (auch wenn ich mir ganz sicher bin, dass sie mich bei jedem Schritt begleitet), bleibe auch ich gerne stehen und lasse die Eindrücke auf mich wirken. Wenn ich zu schnell durch den Tag hetze, verpasse ich die Kleinigkeiten, die mich daran erinnern, dass ich in einer schönen Stadt wohne, die viele Grünanlagen und tolle verstecke Cafés mit hervorragendem Kuchen hat. Danke Oma.
Ich würde ein freundliches Gesicht, das mir im Vorbeigehen einen schönen Tag wünscht, verpassen und vergessen, wie gerne ich Bahn fahre, weil ich es mir zum Ziel gemacht habe, immer einen völlig fremden Menschen anzulächeln. Viele sind von dieser spontanen Attacke der Höflichkeit erstmal überrascht, weil es in der heutigen Zeit eben nicht mehr Gang und Gäbe ist, dass man sich auf der Straße grüßt – auch oder gerade wenn man sich nicht kennt. Doch viele Leute lächeln inzwischen zurück, fast erleichtert und dankbar, wenn ich meinen Blick nicht abwende, nachdem sie mir zunicken.

Ja, ich bin zufrieden. Ich habe keine Garage in die vier Porsche und acht Kleinwagen passen. Keinen Balkon für meinen Topfpflanze, die ich liebevoll seit knapp sieben Jahre hege und pflege und sie sonntags, während der Kaffee kocht am ausgestreckten Arm aus dem Fenster halte, weil ich weiß, dass sie ihren Balkon vermisst.
Trotzdem mag ich meine Wohnung.
Ich mag es, wie die Wachsflecken auf meinem Ikea-Tisch mich daran erinnern, dass Freunde zum Essen da waren und wir bis in die Nacht geredet und Rotwein getrunken haben.
Ich mag die Playlist bei Spotify, die mir mein bester Freund jeden Monat schickt, obwohl wir uns über ein Jahr nicht mehr gesehen haben.
Ich mag die Postkarten meiner Freundin, die sich ein Jahr Work and Travel gegönnt hat und mich durch die kleinen Nachrichten im Briefkasten an ihren Abenteuern teilhaben lässt.
Und ich mag mein Spiegelbild, wenn ich verschlafen aber glücklich am Wochenende mit Zahnpastaschaum im Mundwinkel über dem Waschbecken stehe.

Will ich trotzdem die Welt erobern? Na sicher!
Aber ich will auch immer wieder in mein Leben nach Hause kommen, weil es mein kleines Fleckchen Paradies ist. Und immer bleiben wird.

Und jetzt zu euch. Seid ihr zufrieden? Und wenn ja, was mögt ihr gerade am meisten an eurem Leben? Erzählt es mir doch in den Kommentaren. Ich freue mich immer, von euch zu lesen.
Euer,

avocadogirl

 

Fernweh.

Das Herz zieht sich in der Brust zusammen, die Augen werden feucht, der Blick geht gen Horizont, wo der Himmel kurz unendlich scheint und ein schrecklich gemeines Gefühl von Vermissen macht sich breit.

Keine Ahnung, wie andere Menschen Fernweh empfinden, aber mir ergeht es dann meisten so wie oben beschrieben. Besonders schlimm ist die Tatsache, dass man nie weiß, wann es einen überfällt. Manchmal steht man ganz ahnungslos an einer Ampel, ist mit den Gedanken unbewusst weit weg und nicht darauf vorbereitet. Dann schlägt es zu und reißt einen mit sich. Gegenwehr zwecklos.
Das Fernweh.
Egal wie wohl wir uns zu Hause fühlen, diese Art des Schmerzes kennen fast alle. Wenn man sich nach Orten sehnt, die man noch nie besucht hat, wenn man von langen Flug- oder Zugreisen träumt sich sich ausmalt, wie es sich wohl anfühlen wird, wenn man an einem fremden Ort aufwacht.
Mir geht es zumindest oft so. Das Phantom Fernweh nimmt mich in den Klammergriff und hält mich so lange fest, bis ich zugebe, dass ich gerne einen neuen Ort von meiner To-See-Liste streichen möchte.

Neben dem ganzen Reisen, fremde Kulturen, fremdes köstliches Essen und oftmals besseres Wetter als zu Hause, reizt mich vor allem eine ganz besondere Sache. Nirgends lerne ich so viel über mich, wie in einem fremden Land, dessen Sprache ich nicht perfekt beherrsche, wo ich niemanden kenne und mich jedes Mal aufs Neue überrasche. Ob in Portugal, Spanien, Frankreich oder Neuseeland. Überall bin ich ein anderer Mensch und wachse mit jeder Herausforderung über mich hinaus. Zuerst etwas ängstlich und zurückhaltend, stottere ich meine Frage nach dem nächsten Hostel über die Lippen, nur um am Tag meiner Abreise oftmals lieb gewonnene neue Freunde zu umarmen und mit Tränen in den Augen wieder in mein altes Leben zu verschwinden.
Am Flughafen oder Bahnhof winke ich nicht nur meinen neuen Freunden, sondern auch der Urlaubsversion von mir zu. Da stehe ich, mit von der Sonne gebleichten Haaren und sonnengeküssten Haut, ich lächele selbstbewusst, habe ein Funkeln in den Augen als würde ich ein Geheimnis kennen, bei dem der Rest der Welt angestrengt rätselt. Das vermisse ich auf meiner Heimreise am meisten. Die bessere Version meiner Selbst, die ich nur in seltenen Fällen über die Landesgrenze zurück nach Deutschland retten kann.

Hier bin ich einfach wieder nur ich. Gewöhnlich und unauffällig. Ich überlasse älteren Damen im Bus meinen Platz, lasse Menschen mit weniger Artikeln im Korb an der Kasse den Vortritt und nehme mir vor lieber die Treppe als den Fahrstuhl zu nehmen. Ich gehe in der Masse unter, bin nichts Besonderes, kein strahlender Stern mit großartigem Humor und einem Charisma, das Leute beeindruckt. Ich bin nur eine junge Frau mit einem Blog und viel zu viel Gedanken für den kleinen Kopf.
War ich an der Algarve nicht noch dieses todesmutige Mädchen, das sich mit Neoprenanzug und Surfbrett in die Wellen gestürzt hat? Literweise Salzwasser geschluckt und kaum eine Welle gestanden hat? Mein Lachen hat man trotzdem am ganzen Strand gehört.

Ich vermisse mich. So sehr, dass ich hoffe bald wieder unter einer akuten Fernwehattacke zu leiden, damit ich – vom Arzt verschrieben – wieder eine Reise buchen kann, nur um eine weitere Facette an mir kennenlernen zu dürfen. Vielleicht gelingt es mir ja, mit jedem Kurztrip ein Stück mehr von mir über die Grenze zurück zu schmuggeln. Dann kann ich mich eines Tages wie ein buntes Mosaik zusammensetzen.

Kennt ihr das Gefühl von Fernweh? Wann überkommt es euch am häufigsten? Oder haltet ihr mich schlichtweg für verrückt?!

 

Euer,

avocadogirl

Be yourself.

In letzter Zeit lese ich immer wieder diese klassischen Sprüche auf Twitter oder Instagram, wo es heißt: Be yourself! (gerne wird dann noch ein witziger Twist mit dem Einhorn oder Batman angehängt – vermutlich, weil es dann leichter zu ignorieren ist).
Doch wenn man sich auf eben diesen sozialen Medien mal genauer umsieht, so klingt das sich ständig wiederholende Mantra doch wirklich wie die Behauptung bei Bodybuildern würden man auf der Bühne echte Sommerbräune erkennen können.

Was bedeutet be yourself heute noch? Ist es wirklich eine ernstgemeinte Aufforderung der Mensch zu sein, der man ist? Bekommt man für ein Bild in Pyjamahose, zerzauster Frisur, dringend benötigtem Kaffee und Augenringe am Sonntagmorgen in der Küche wirklich so viele Klicks, Likes, Favoriten und Herzen, wie für das eines frisch gepressten Smoothie, der den Hashtag #tasty verpasst bekommt und dann im Müll landet, weil er nämlich genau das nicht ist?
Wohl kaum.
Was fehlt der Netzgemeinde in der heutigen Zeit zur Authentizität? Der Mut? Oder das Verständnis für die verfloskelte Redewendung be yourself.
Denn dank der zahlreichen Filter, die uns Instagram und co. zur Verfügung stellen, ist es leicht den perfekten Look eines perfekten Lebens in einem perfekten Feed zu generieren. Nur ist es eben nicht mehr das echte Leben. Es ist als würde man in einen dieser verrückten Zerrspiegel schauen, die es früher auf der Kirmes gab. In denen man dicker, dünner, größer oder kleiner aussah. Wir faken ein Abbild unserer Realität um den Schein zu wahren, um mitzumachen, um dabei zu sein. Wir drapieren unser Essen, bevor wir es fotografieren und es mit der Welt teilen. Wir posten spontane Schnappschüsse, die erst beim 17. Versuch so gut aussehen, dass wir sie online stellen wollen. 
Natürlich streiten wir das alle ab. Wir doch nicht. Wir predigen schließlich auf eben diesen Plattformen genau das Gegenteil: be yourself! 

Wirklich? 

Ich habe einen Blick auf meinen Instagram-Feed geworfen und musste feststellen, dass nur zwei Fotos mein Leben und mich so zeigen, wie wir wirklich sind. Eine absurde Symbiose, die im Chaos existiert und – zu meiner Überraschung – funktioniert. Trotzdem wette ich, dass mein Leben am Stammtisch über mich herzieht und sich beschwert, wieso ausrechnet es so eine Chaotin wie mich abgekriegt hat. Das ist okay, ich schimpfe auch manchmal über mein Leben und träume mich auf die Sonnenseite der Welt, wo ich Cocktails schlürfe, Geld durch Blogposts wie diesen verdiene und gar keinen Filter für meine Fotos brauche, weil der Sonnenuntergang auf Bali nun mal wirklich diese Farben an den Himmel pinselt.
Trotzdem bin ich froh, wenn ich abends im Bett liege und weiß, dass ich mit meinem Leben ziemlich zufrieden bin. Ja, ich bin sogar mit mir zufrieden. Jeden Tag werde ich jetzt daran arbeiten wirklich ich zu sein. Vorbei die alberne Zeit der Gefällt-mir-Jagd und Hipsterfotos, die ich stundenlang ausleuchte, bevor sie dem gestiegenen Anspruch der User entsprechen. Früher hat man doch auch einfach ein Foto geschossen und gehofft, es ist kein totaler Ausfall, wenn man die Abzüge beim Fotoladen um die Ecke abgeholt hat. Selbst die verwackelten und unscharfen Momentaufnahmen wurden gerahmt, rumgezeigt und mit Stolz betrachtet. Jetzt werden sie vom Handy oder der Kamera gelöscht, bevor sie Speicherplatz für den perfekten Schnappschuss wegnehmen können.
Schade.
Weil es nie die perfekten Momente sind, an die wir uns am liebsten zurück erinnern. Es sind die Abende, an die man die größten Erwartungen hatten, die gnadenlos in die Hose gingen und mit der besten Freundin, einer Tüte Chips und einer Folge Gilmore Girls auf der Couch geendet sind.
Es sind die Partys, mit der schlechten Musik, den albernen Tänzen, den nach Erdbeerlimes-schmeckenden Küssen mit dem witzigen Typen, der zwar nicht aussah wie Michael Fassbender, einen aber zum lachen gebracht hat.

Wenn mein Leben am Ende als Fotostrecke bei Instagram vor meinem inneren Auge vorbeiziehen würde, dann wünsche ich mir viele verwackelte und unscharfe Bilder, dann wünsche ich mir Fotos von mir ohne Make-up und in schrecklichen Klamotten an einem bad hair day. Den 97% meines Lebens sind eben genau so. Unperfekt schön. Ich wünschte, wir könnten alle mehr dazu stehen.

Be yourself. Be real.

Euer

avocadogirl